Großer Umbruch beim SSKC Poseidon Aschaffenburg: Seit September 2025 steht mit Ivan Matteuzzi ein neuer Chefcoach am Beckenrand der ersten Wettkampf-Mannschaft.
Für den Verein ist das ein großer Schritt: Erstmals ist ein Trainer als Teilzeitkraft fest angestellt. Im Interview mit dem Main-Echo spricht der gebürtige Italiener über seinen Weg in die Trainerlaufbahn, sein Fazit nach vier Monaten in Aschaffenburg, seine Trainingsphilosophie sowie seine Ziele mit dem SSKC.
Matteuzzi kam als echter Spätstarter zum Schwimmsport: Mit vierzehn Jahren begann er bei seinem Heimatverein De Akker im norditalienischen Ferrara und schaffte es recht schnell in die Leistungssportmannschaft. Nach seiner aktiven Zeit durchlief er die umfangreiche Trainerausbildung des italienischen Schwimmverbandes und coachte in seiner Heimatstadt sowohl Erwachsene als auch Jugendliche.
„Ich liebe den Schwimmsport und liebe es, Menschen dabei zu unterstützen, ihre Ziele zu erreichen,“ begründet Matteuzzi seine damalige Entscheidung, dem Sport treu zu bleiben und ins Traineramt zu wechseln. Insbesondere die Arbeit mit motivierten Jugendlichen macht ihm besonders Spaß, weil es dort noch „das größte Potenzial zur Verbesserung der Technik“ gibt.
2023 zog es ihn aufgrund eines Jobangebots seiner Lebensgefährtin nach Deutschland, wo er nach einer kurzen Station in Erlangen beim SC Wiesbaden als Nachwuchstrainer und Co-Trainer der ersten Mannschaft weitere Erfahrungen im Leistungssport sammelte. Im Sommer 2025 folgte nun der Schritt nach Aschaffenburg, wo er erstmals eigenverantwortlich als Chefcoach tätig ist.
Die Möglichkeit, unabhängig die Organisation von Training und Wettkampfplanung zu übernehmen und damit „alleine für die Entwicklung der Mannschaft verantwortlich“ zu sein, reizte ihn an der Aufgabe besonders. Ein weiterer Punkt: „In der ersten Mannschaft beherrschen die Schwimmer bereits viele Basics und bringen eine gute Technik mit, man kann sich also mehr auf die Steigerung der Leistung und die Arbeit an spezifischen Dingen wie Starts oder Wenden fokussieren. Das macht es als Trainer besonders interessant.“
Auf die ersten vier Monate im Amt schaut Matteuzzi positiv zurück, wenngleich die Zeit sehr herausfordernd war. Ein großer Faktor: durch den Verlust einiger Leistungsträger im Sommer kamen „von unten“ viele neue Schwimmer in die Mannschaft.
„Aktuell haben wir zehn neue und zehn erfahrene Schwimmer in der Mannschaft. Mein Ziel ist es, diese Lücke zu schließen – die erfahrenen Schwimmer besser zu machen, ohne dabei die neuen Schwimmer zu verlieren.“ Wie das funktionieren soll? „Die erfahrenen Schwimmer müssen als Vorbilder vorangehen, damit sich die neuen Schwimmer etwas abschauen können. Sowohl in Bezug auf die Schwimmtechnik, als auch das Mindset.“
Als eine weitere große Herausforderung beschreibt Matteuzzi die Bäder-Situation. „In Wiesbaden und auch in Italien gab es immer ein Schwimmbad, in dem wir trainieren konnten, wann wir wollten. In Aschaffenburg gibt es nur bestimmte Zeitfenster, in denen Einheiten im Wasser möglich sind. Das heißt, man muss immer sehr gut organisiert sein und die Zeit bestmöglich nutzen.“
Dieses Problem beschreibt auch Ina Kwiezinski, Leiterin der Schwimmabteilung im SSKC Poseidon Aschaffenburg: „Die Wasserflächen-Situation ist aktuell weit weg vom Normalzustand. Die Lehrschwimmbecken von Fröbel- und Schönbergschule sind nicht nutzbar, dadurch haben wir sehr hohe Kosten. Unser vereinseigenes Freibad macht immer wieder Probleme und die Sanierung des Vitamars steht uns noch bevor.“ Schon jetzt ist es eine enorme Herausforderung, 420 Aktiven im Verein regelmäßiges Training zu ermöglichen.
Dennoch: Für die 20 Schwimmer der ersten Mannschaft liefen bisherigen Wettkämpfe der Saison unter der Leitung von Matteuzzi sehr positiv. „Fast alle Schwimmer sind in Wettkämpfen überwiegend Bestzeiten geschwommen. Das macht mich sehr zufrieden,“ berichtet Matteuzzi. Bestzeiten sind aus seiner Sicht von großer Bedeutung: „So sehen die Schwimmer, dass sich die Arbeit im Training auszahlt und bleiben motiviert.“
Die Arbeit mit einer großen Mannschaft von 20 Jugendlichen im Alter von dreizehn bis 18 Jahren ist derweil eine Herausforderung, der sich Mateuzzi gerne stellt. „Der vielleicht wichtigste Punkt: Jeder Schwimmer in der Mannschaft sollte zum Training kommen, weil er dabei Spaß hat. Trotzdem sollte jeder verstehen, dass wir Leistungssport betreiben und auf etwas hintrainiert wird.“ Der Teamgedanke ist dem Italiener dabei besonders wichtig: „Ich möchte nicht nur zwei oder drei Top-Schwimmer haben, sondern eine starke Mannschaft.“
Wenn es um Trainingsinhalte geht, hat Matteuzzi eine klare Vorstellung: „Den Fokus auf möglichst viele Trainingskilometer zu setzen, wie man es in vielen Vereinen sieht, halte ich nicht für sinnvoll. Zu viel Techniktraining bei langsamer Geschwindigkeit ist aber auch nicht zielführend, denn man muss die gute Technik auch in Wettkampf-Geschwindigkeit umsetzen können. Mein Ziel ist es, einen Mittelweg zwischen Kilometer und Technik zu finden“.
Wichtig ist für ihn auch die Vielseitigkeit seiner Schwimmer: „Meiner Meinung nach gibt es bei Jugendlichen keine Delfin-, Rücken-, Brust- oder Kraulschwimmer. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass man immer alle Schwimmlagen trainieren muss.“
Einen großen Wert legt Matteuzzi zudem auf das Training an Land, wo er sich als zertifizierter Calesthenics-Trainer ebenfalls sehr gut auskennt. „Viele Schwimmer bekommen im Alter Probleme mit Schulter oder Rücken, auch wenn sie eine sehr gute Technik haben. Meine Schwimmer sind noch jung und Calesthenics die perfekte Lösung, einerseits zur Prävention von Verletzungen und andererseits zum Aufbau von Kraft.“
Die Bedeutung von Landtraining zeigt sich laut Matteuzzi auch im internationalen Schwimmsport. Weltklasse-Athleten wie beispielsweise der amerikanische Olympiasieger und Weltrekordhalter Caeleb Dressel bezeichnet er als „komplette Sportler“, die auch in anderen Sportarten zu starken Leistungen fähig sind. Auch Übungen zur Verbesserung der Koordination lassen sich an Land sehr gut umsetzen.
Aktuell legt Matteuzzi im Training einen großen Fokus auf den Schwimmrhythmus: „Schwimmen ist wie Tanzen, man macht eine Bewegung nach der anderen. Um schnell zu schwimmen braucht es nicht nur eine gute Technik, sondern auch den richtigen Rhythmus.“
Neben dem Kennenlernen von Mannschaft und Verein werden bei der Zielsetzung für die aktuelle Saison erwartungsgemäß eine möglichst hohe Teilnehmerzahl bei Bayerischen und Deutschen Jahrgangsmeisterschaften ausgerufen. Im Gespräch wird jedoch deutlich, dass Matteuzzi auch längerfristig denkt: „Innerhalb des Vereins sind alle sehr eng verbunden. Ich möchte eine Vision entwickeln, hinter der wir gemeinsam stehen.“
Langfristig möchte Matteuzzi dabei nicht nur im Jugendbereich erfolgreich sein, sondern auch regelmäßig Schwimmer zu den Deutschen Meisterschaften der offenen Klasse führen: „Mit Leon Finnegan hatten wir im November einen Teilnehmer bei den Deutschen Kurzbahnmeisterschaften. Mein Ziel ist, diese Zahl zu erhöhen. Aber dafür braucht es eine kontinuierliche Verbesserung, das funktioniert nicht innerhalb von Monaten.“
Wichtig ist ihm dabei, auf den bestehenden Fundamenten aufzubauen und den Schwimmsport in Aschaffenburg weiter- und nicht neuzuentwickeln – ein Aspekt, der auch bei der Entscheidung für Ivan Matteuzzi als neuen Trainer eine entscheidende Rolle gespielt hat. „Kontinuität ist für uns sehr wichtig,“ sagt Abteilungsleiterin Kwiezinski, „bei Ivan hatten wir von Anfang an das Gefühl, dass er eine langfristige Perspektive sucht und etwas aufbauen will.“
Überzeugt hat letztlich auch die sehr gute Ausbildung als Trainer für Schwimmen und Calesthenics, was es in der Form bei einem Trainer der ersten Mannschaft in Aschaffenburg bisher noch nicht gab. Ebenfalls ausschlaggebend: „Ivans Philosophie passt sehr gut zu dem, was Tom Ehrhardt seit Jahren geprägt hat.“ Daran soll nun nahtlos angeknüpft werden.
Die Ziele für die Zukunft bleiben somit auch aus Sicht der Abteilungsleitung ambitioniert: „Wir wollen die starke Nachwuchsarbeit weiter fortführen und die Qualität kontinuierlich nach oben schrauben,“ sagt Kwiezinski. Trotz der beschriebenen Bäder-Situation soll also das Niveau gehalten und weiter verbessert werden: „Zehn Teilnehmer an Deutschen Jahrgangsmeisterschaften und vordere Platzierungen in der DMS-Bayernliga sollte der Anspruch für die Zukunft sein“. Mit Ivan Matteuzzi als neuen Cheftrainer sind dafür am Beckenrand bereits die Weichen gestellt.
HINTERGRUND:
Mit dem Trainerwechsel endet auch die „Ära Tom Ehrhardt“ beim SSKC endgültig. Der ehemalige Poseidon-Schwimmer, der über die Rücken- und Schmetterling-Strecken noch immer 25-Jahre-alte Kreisrekorde hält, übernahm 2011 das Traineramt. In den folgenden zehn Jahren hob er den Leistungssport beim SSKC auf ein neues Level.
Er verhalf nicht nur der Aschaffenburger Olympia-Hoffnung Lena Ludwig zum Durchbruch, sondern führte auch eine Vielzahl weiterer Schwimmer zu beachtlichen Erfolgen: Mehrere Medaillen bei Bayerischen und Deutschen Jahrgangsmeisterschaften sowie Bayerische Altersklassenrekorde stehen zu Buche.
2023 entschied sich Ehrhardt für eine neue Herausforderung und übergab an ein Dreigespann, bestehend aus Nils Haack, Justin Arapaj und Lisa Diener. Allesamt waren ihre gesamte Zeit im Leistungssport in der Mannschaft von Erhardt aktiv und führten dessen Philosophie in den vergangenen zwei Jahren nahtlos weiter.
Trotz der Dreiteilung war der Zeit- und Organisationsaufwand für das Trio enorm, weshalb sie das Traineramt nach zwei Saisons wieder abgaben. Während Arapaj und Diener das Trainersein komplett pausieren, ist Nils Haack weiterhin mit reduziertem Umfang im Nachwuchs aktiv.
„ZUR PERSON“
– Name: Ivan Matteuzzi
– Geburtsjahr: 1989
– Geburtsort: Ferrara (Italien)
– Funktion: Cheftrainer 1. Mannschaft, SSKC Poseidon Aschaffenburg
– Trainer seit: 2018
– im Verein seit: 2025
– Stationen als Schwimmer: De Akker Ferrara (Italien)
– Stationen als Trainer: Nuova Sportiva (Italien), SC Wiesbaden, SSKC Poseidon Aschaffenburg