27. Juni 2026
Von Aschaffenburg an den Landesstützpunkt: Amelie Lotz macht Hobby zum Beruf
oder
„Der Leistungssport hat es mir einfach angetan“
Viele träumen davon, ihr Hobby zum Beruf zu machen – Amelie Lotz hat genau das getan. Die gebürtige Dämmerin stammt aus einer echten Schwimmerfamilie und war über zehn Jahre Trainerin beim SSKC Poseidon, ehe sie 2025 den großen Schritt wagte: Sie verließ ihre Heimatstadt und zog für eine hauptberufliche Trainerstelle nach Wuppertal. Im Main-Echo-Interview spricht die 28-Jährige über ihren Weg ins Trainergeschäft, ihren Wechsel ins nordrhein-westfälische Spitzensport-Umfeld, die Unterschiede zu ihrer Heimat am Main sowie ihre erste, erfolgreiche Saison als Vollzeittrainerin am Landesstützpunkt Wuppertal.
Schon als Kind kristallisierte sich für Lotz heraus, dass der Schwimmsport ein fester Bestandteil ihres Lebens sein würde. Mit fünf Jahren begann sie selbst zu schwimmen, mit 14 machte sie ihre Kampfrichterlizenz und stand mit 15 Jahren erstmals als Co-Trainerin am Becken.
Der Einstieg ins Trainergeschäft fiel Lotz dabei nicht schwer – sicherlich auch dank ihrer Familie. Schon ihr Opa war als Trainer aktiv, Mutter Svenja ist seit 35 Jahren im Nachwuchs tätig und auch die Schwestern Annika und Anna-Lena waren beziehungsweise sind als Trainerinnen im Verein engagiert. Selbst Papa Stefan packt kräftig mit an. Kein Wunder also, dass Lotz ihre erste Trainertätigkeit ausgerechnet als Co-Trainerin bei ihrer Mutter begann.
Auf die Frage, wer sie als Trainerin am meisten geprägt hat, muss Amelie nicht lange überlegen: „Von meiner Mutter habe ich unglaublich viel gelernt“, berichtet die 28-Jährige. Das betrifft einerseits die Trainingsinhalte selbst, andererseits aber auch den Blick für die soziale Situation der Schwimmer, die im Sport eine große Rolle spielt. Als weiteren prägenden Faktor nennt Lotz, dass sie jede Stufe einmal durchlaufen hat – vom Schwimmkurs über die Anfänger- und Nachwuchsgruppen bis hin zum Leistungssport.
Amelie Lotz merkte schnell, dass ihr die Arbeit am Beckenrand mehr Freude bereitete als das eigene Schwimmen. „Mich hat immer interessiert, warum man etwas so und nicht anders macht“, beschreibt Lotz ihre Faszination für die Theorie hinter dem Training. Mit 19 Jahren übernahm sie schließlich die zweite Wettkampf-Mannschaft „L2“ des SSKC Poseidon – eine Gruppe für all diejenigen, die Schwimmen als Wettkampf-Sport betreiben möchten, es aber sportlich (noch) nicht in die „L1“ geschafft haben.
Die Entwicklung, die sie innerhalb von acht Jahren mit ihrer Gruppe durchlief, kann sich sehen lassen: „Als ich die Mannschaft damals übernommen habe, hatten gerade einmal 50% der Schwimmer Pflichtzeiten für die Bezirksmeisterschaften. Als ich gegangen bin, hatte ich zwei Sportler auf den Deutschen Jahrgangsmeisterschaften.“ Ein toller Erfolg und auch ein Novum für die „L2“, aus der sich vorher meist nur vereinzelt Schwimmer überhaupt für Bayerische Meisterschaften qualifizieren konnten.
Als Erfolgsrezept nennt Lotz vor allem den konsequenten Fokus auf eine solide Technikausbildung: „Mit den aktuellen Bedingungen in Aschaffenburg ist es fast unmöglich, vorne mitzuschwimmen. Deshalb ist eine gute Grundtechnik sehr wichtig.“ Auch die Zusammenarbeit mit ihrem langjährigen Co-Trainer Markus Buckow, der über viele Jahre die Trainingspläne mitgestaltete, sieht sie als wichtigen Baustein dieser Erfolge.
Der Wunsch, den Trainerberuf irgendwann hauptberuflich auszuüben, wuchs bei Lotz über die Jahre kontinuierlich. Vor rund zwei Jahren machte sie ihre B-Lizenz und knüpfte dabei neue Kontakte in der Trainerszene, die ihr Mut machten, die letzten Zweifel auszuräumen und den Schritt tatsächlich zu wagen. „Und dann habe ich mich einfach beworben und hatte drei Stellenangebote. Ich konnte es mir im Prinzip aussuchen.“
Die Wahl fiel auf Wuppertal, nicht zuletzt, weil Lotz bewusst keine erste Mannschaft übernehmen wollte. „Ich bin auf diesem Niveau noch unerfahren und möchte erst noch viel lernen“, begründet sie ihre Entscheidung. Zudem hatte sie das Gefühl, am dortigen Landesstützpunkt die beste langfristige Perspektive zu haben. Der Wechsel quer durch Deutschland sei dabei für sie nie eine Frage gewesen: „Es hat sich einfach richtig angefühlt.“
Seit September 2025 trainiert Lotz nun in Vollzeit die „TG2“, die sechzehn-köpfige Wettkampf-Mannschaft für die Top-Schwimmer im Alter von vierzehn bis 17 Jahre am Landesstützpunkt Wuppertal. Dabei betreut sie acht Wassereinheiten, zwei davon als Frühtraining um 5:30 Uhr, sowie fünf Athletikeinheiten pro Woche. Hinzu kommen Bürozeiten für Wettkampf-Meldungen, Saisonplanung, Trainingspläne und weitere Orga-Aufgaben im Gesamtverein.
Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich dabei deutlich von ihrer Zeit in Aschaffenburg – insbesondere bei der Wasserfläche. Während es beim SSKC Poseidon immer wieder zu Engpässen kommt und sich die Schwimmer in Aschaffenburg oft zu zehnt eine 25m-Bahn teilen müssen, herrschen in Wuppertal geradezu luxuriöse Verhältnisse. „Während der Kurzbahn-Saison haben wir für meine TG2 oft fünf oder mehr Bahnen zur Verfügung, also praktisch das komplette Aschaffenburger Stadtbad nur für eine Mannschaft“, erzählt Lotz. Morgens und an Feiertagen öffnet das Schwimmbad zudem ausschließlich für den Trainingsbetrieb.
Auch abseits des Beckens profitiert Lotz von merklich besseren Rahmenbedingungen. Die finanzielle Situation ist deutlich entspannter, „egal was gebraucht wird, es ist in zwei Wochen da.“ Das Schwimmbad liegt zudem direkt neben der Schule, in die ein Teilzeit-Internat integriert ist: Die Kinder werden dort von morgens vor dem ersten Training bis abends nach der letzten Einheit betreut, inklusive Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung – nur geschlafen wird zuhause.
Damit hat sich auch die Mentalität ihrer Sportler deutlich verändert: „Die Kinder trainieren bis zu 21 Stunden in der Woche und sind mit einem ganz anderen Ehrgeiz dabei. Es wird wenig diskutiert – ‚darauf habe ich keine Lust‘ oder ‚Ich komme heute nicht, weil…‘ gibt es nicht. Ich werde eher gefragt, ob ich einen Plan schicken kann, damit die Sportler alleine nachtrainieren können, wenn sie doch mal eine Einheit verpassen.“
Dass der Wechsel in den Hauptberuf auch finanziell ein Unterschied ist, verwundert wenig: Die steuerfreie Ehrenamtspauschale, die Trainer im Amateurbereich erhalten können, liegt bei 3.300 Euro im Jahr – verglichen mit dem zeitlichen Aufwand am Beckenrand laut Lotz „fast ein Witz“. Ein Umstand, der vielen ehrenamtlichen Trainern sehr bekannt sein dürfte.
Bei allen positiven Aspekten ist allerdings nicht zu unterschätzen, dass den Sportlern in Wuppertal deutlich mehr abverlangt. Anders als beim SSKC Poseidon, wo es verschiedene parallele Mannschaften für Schwimmer unterschiedlicher Leistungsniveaus gibt und damit eine sportliche Heimat für Alle geschaffen wird, „haben wir in Wuppertal ein lineares System. Es gibt wirklich nur den Leistungssport und wer es nicht in die nächst-höhere Mannschaft schafft, muss sich einen anderen Verein suchen.“
Fachlich profitierte Lotz in ihrem ersten Jahr stark vom Austausch mit Henning Lambertz, der bis April die erste Wettkampf-Mannschaft am Stützpunkt trainierte. Der ehemalige deutsche Bundestrainer war bereits bei vier Olympischen Spielen am Beckenrand mit dabei und verhalf unter anderem Schwimmern wie Thomas Rupprath, Daniela Samulski oder Christian vom Lehn zu Einzelmedaillen bei Weltmeisterschaften. Neben Tipps zur Saisonplanung und Belastungssteuerung profitierte Lotz insbesondere von Lambertz‘ Feedback zu ihren Trainingsplänen, das zur Freude der 28-Jährigen häufig sehr positiv ausfiel.
Ebenfalls positiv fällt die Bilanz ihrer ersten Saison in Wuppertal aus: Sieben Athleten aus ihrer eigenen Trainingsgruppe sowie drei weitere Landesstützpunkt-Schwimmer qualifizierten sich für die Deutschen Jahrgangsmeisterschaften in Berlin, wo zahlreiche Bestzeiten gelangen. Zusätzlich stieg die zweite Damenmannschaft der SG Bayer, die größtenteils aus Lotz‘ Schützlingen besteht, in die 2. Bundesliga auf.
Für die Zukunft hat sich Lotz vorgenommen, ihr Wissen weiter auszubauen, z.B. in den Bereichen Freiwasser- und Krafttraining. Eine eigene erste Mannschaft strebt sie hingegen bewusst noch nicht an: „Wenn ich das jetzt schon mache, überspringe ich Schritte – und das holt einen irgendwann ein. Das ist, als würde man einen Sportler von der TG3 direkt in die TG1 schicken – dann fehlen einfach die Grundlagen.“ Auch ein ehemaliger Trainerkollege habe ihr dazu einen Satz mitgegeben, den sie sich zu Herzen genommen hat: „Man soll sich nicht unterschätzen, darf sich aber auch nicht überschätzen.“
Eine enge Verbindung zu ihrer alten Heimat bleibt dennoch bestehen: „Ich liebe Aschaffenburg und ich liebe das Poseidon“, betont Lotz. Ihre Zukunft sieht sie aktuell allerdings klar in Wuppertal: „Der Leistungssport, wie er hier gelebt wird, hat es mir einfach angetan.“
ZUR PERSON AMELIE LOTZ
Name: Amelie Lotz
Geburtsjahr: 1997
Geburtsort: Aschaffenburg
Familienstand: verheiratet
Funktion: Trainerin „TG2“ am Landesstützpunkt Wuppertal
Stationen als Trainer: SSKC Poseidon Aschaffenburg (2012 – 2025); SG Bayer (seit 2025)